
Take it slow: über Achtsamkeit und Entschleunigung

Die aufziehenden Wolken sind so eindrucksvoll wie die Wellen kurz bevor sie brechen. Dein Surfboard schaukelt ruhig auf und ab. Einatmen. Ausatmen. Unter dir sammelt die Natur Kraft und baut sich auf. Jetzt! Fang an zu paddeln. Rechts. Links. Bis das Board so schnell ist wie das strömende Wasser. Sobald du den richtigen Moment spürst, drückst du dich hoch. Jetzt stehen. Gleiten. Fliegen. Solche Momente sind selten. Momente, in denen du an nichts anderes denkst und einfach im Hier und Jetzt bist. In unserem Alltag sieht die Welt oft ganz anders aus: Wir hetzen von Termin zu Termin, haken in Gedanken schon die To-dos von morgen ab, rennen dem Bus hinterher oder lassen uns vom ständig aufleuchtenden Smartphone ablenken. Der Kopf ist voll, das Herz rast. Wir leben in einer Welt, in der Stress zum Statussymbol geworden ist.
ZEIT FÜR EINEN STOPP
Eigentlich ist Stress eine der hilfreicheren Erfindungen der Natur: Sobald wir eine Situation als möglicherweise gefährlich wahrnehmen, schüttet der Körper Hormone wie Adrenalin und Cortisol aus. Der Atem wird schnell und flach, der Blutdruck steigt, die Muskeln spannen sich an. Der ganze Körper reagiert. Das Problem am „modernen“ Dauerstress: Wir haben verlernt, uns wirklich zu entspannen. Die Folgen der ständigen Anspannung zeigen sich körperlich wie seelisch, von Schlafstörungen und Konzentrationsproblemen über Magen-Darm-Beschwerden und ein geschwächtes Immunsystem bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Burnout.
Warum setzen wir uns diesen Gefahren aus? Suchen wir Anerkennung? Liegt es am gesellschaftlichen Druck? Oder am Perfektionismus?
Eines ist sicher: Wir müssen innehalten und lernen, besser mit unseren Ressourcen, unserer Energie und unserer Gesundheit umzugehen. Denn sonst entfernen wir uns immer weiter von dem, was wir uns alle wünschen: einem erfüllten Leben.

MIT DEN WELLEN GEHEN
Der erste Schritt zu einem langsameren Leben: kurz innehalten und achtsam sein. Wo bin ich gerade? Was tue ich? Und wie fühle ich mich? Besonders gut helfen ganzheitliche Sportarten, die Körper, Geist und Seele gleichermaßen trainieren. Das kann eine Surf-Session in den brechenden Wellen sein, aber auch eine Runde Bouldern in der Kletterhalle oder eine Yoga-Sequenz im eigenen Wohnzimmer. Wichtig ist, dass du beim Training ganz bei dir bist und Körper und Kopf voll beanspruchst. So vergisst du für eine Weile den Rest der Welt.
Professor Jon Kabat-Zinn, Begründer der modernen Achtsamkeitslehre, legte dafür 1979 mit seiner „Mindfulness-Based Stress Reduction“ (MBSR) den Grundstein. Ziel des Programms ist es, den gegenwärtigen Moment bewusst wahrzunehmen, sich auf ihn in all seiner Schönheit und Dunkelheit einzulassen, ihn anzunehmen und einen passenden Umgang damit zu finden. „Achtsamkeit bedeutet im Kern, dass jeder einzelne Moment einzigartig ist. Keiner ist besser als der andere. Es geht vielmehr darum, wie wir mit den angenehmen und den unangenehmen Momenten umgehen und mit all denen dazwischen, die oft übersehen werden“, sagte Kabat-Zinn in einem Interview mit dem Schweizer Rundfunk SRF.
Der Wissenschaftler sieht Meditation als allgemeine Methode, um verschiedene Beschwerden zu behandeln, und als Weg, sich mit den eigenen Erfahrungen zu versöhnen: „So kannst du die Höhen und Tiefen deines Lebens ein Stück weit steuern, mit voller Aufmerksamkeit und mit einem gewissen Maß an Gelassenheit und Mitgefühl für dich selbst.“

WENIGER IST MEHR
Was ist im Leben wirklich wichtig? Auch diese Frage hilft dabei, Achtsamkeit zu lernen und langsamer zu werden. Wenn wir unser Leben von unnötigem Ballast und Unordnung befreien, schaffen wir Raum für das Wesentliche: für Gesundheit, Beziehungen, Leidenschaft, Wachstum und einen echten Beitrag. Darin liegt der erste Schritt zu echtem Glück. Es geht nicht darum, weniger zu besitzen, sondern bewusster zu entscheiden. Das beginnt beim Hinterfragen des eigenen Konsums und reicht bis in unser ganzes Leben und all seine Möglichkeiten: weniger Impuls- oder Frustkäufe, mehr hochwertige Produkte, weniger Stress und mehr Inspiration.
Für ein erfülltes Leben brauchen wir nicht viel. Manchmal reichen ein Rucksack, ein Surfboard und ein bisschen Mut. Das Leben ist ein Abenteuer: Es bricht über uns herein wie eine tosende Welle und schenkt uns einen Regenbogen in der sprühenden Gischt. Den Unterschied macht, wie wir ihm begegnen. Lass uns lernen, öfter Nein zu sagen, tiefer durchzuatmen und Dinge leichter loszulassen. Der Schlüssel ist ein bewussterer Umgang mit uns selbst und der Welt um uns herum. Denn Achtsamkeit beginnt bei uns, und das Glück auch.





